Fußball-Weltmeisterschaft: "Es ist ein Skandal..."

„Solange ... Kranke in Krankenhausfluren auf dem Boden liegen oder in langen Warteschlangen vor einem Gesundheitsamt tot umfallen ... ist es ein Skandal, Milliarden für Fußballstadien hinauszuschmeißen.“

Brasilien steht in den Augen von Bischof Erwin Kräutler nach der Fußball-Weltmeisterschaft ein böses Erwachen bevor: Im Gegenzug für die WM-Ausgaben würden bald "Milliarden" im Sozial-, Gesundheits- und Bildungsbereich fehlen - "und nach dem Jubel eines möglichen neuerlichen Weltmeisterschaftstitels kommt dann die Katerstimmung. Die grausame und ungerechte Realität umfängt uns wieder", erklärte der Bischof der Amazonas-Diözese Xingu bei einem Besuch seiner österreichischen Heimat.

Im Blick auf die meist friedlichen Demonstrationen rund um die Fußball-WM begrüße er es, "wenn junge Leute auf die Straße gehen, um das wahre Antlitz Brasiliens bloßzulegen", so der 2010 mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnete Bischof. Millionen Brasilianer würden die Geschehnisse im Vorfeld der WM als "katastrophalen Unfug" bezeichnen.

"Milliarden wurden und werden in den Bau von Stadien und Infrastruktur hineingebuttert, um den FIFA-Anforderungen gerecht zu werden", kritisiert der Kirchenmann. Absehbar sei, dass viele der Stadien später bloß "weiße Elefanten" seien, da es außerhalb der WM in der Mehrzahl der neuen Spielstätten nicht genügend Besucher gebe. Unterstützung signalisierte der Bischof für die Forderungen vieler Brasilianer nach "FIFA-Standards" für Spitäler, Gesundheitsposten, Schulen, Universitäten, Transport und öffentliche Sicherheit.

Kräutler wörtlich: "Solange es für Kinder nicht einmal anständige Schulbänke gibt, Kranke in Krankenhausfluren auf dem Boden liegen oder in langen Warteschlangen vor einem Gesundheitsamt tot umfallen, Arbeiter und Angestellte tagtäglich stundenlang in Bussen wie in Sardinendosen eingepfercht zum Arbeitsplatz fahren müssen, ist es ein Skandal, Milliarden für Fußballstadien hinauszuschmeißen."

"Strategie der vollendeten Tatsachen"

Seine Kritik wiederholte der Bischof auch am Kraftwerksbau Belo Monte: Erst vor wenigen Tagen seien Indio-Vertreter mit "Tränengas und Gummigeschossen" empfangen und teils verletzt worden, als sie gegenüber Vertretern der Baufirma Norte Energia S.A. die von den Regierungsbehörden vor Baubeginn geforderten Bedingungen anmahnen wollten. "Braucht es noch mehr, um aufzuzeigen, wie die Bauherren mit den Indios umgehen?", so der Amazonas-Bischof. Keine der 63 Bedingungen, die die Indios und die Umweltbehörde vor Baubeginn gefordert hatten, sei bislang erfüllt worden.

Kräutler nannte die Vorgehensweise der Regierung und der beteiligten Unternehmen - darunter die österreichische Andritz AG - eine rücksichtslose "Strategie der vollendeten Tatsachen": Keinen der Akteure würde es kümmern, dass der weiter fortschreitende Kraftwerksbau "gesetzeswidrig" sei, worauf auch die mehr als ein Dutzend von der Staatsanwalt angestrengten Prozesse deuteten: Alle seien in Schubladen verschwunden "und werden wahrscheinlich erst behandelt, wenn die Turbinen laufen". Vielleicht würde dann der Richter feststellen, "dass Belo Monte eigentlich gar nicht hätte gebaut werden dürfen", so der Bischof sarkastisch.

Anti-indigene Einstellung bei Parlamentariern

Bei den Indios, für deren Rechte sich Kräutler seit Jahrzehnten einsetzt, gehe es derzeit "um das physische und kulturelle Überleben": Die 63 Quadratmeter großen Serienbetonhäuser aus Fertigteilen, in die 40.000 Menschen zwangsumgesiedelt werden, seien für die Betroffenen wie "Käfige" und beeinträchtigten das Familienleben.

Ganz allgemein beobachtet Kräutler bei den meisten Parlamentariern eine zunehmende "anti-indigene Einstellung". Viele Indios würden weiterhin von Großgrundbesitzern aus ihren Gebieten vertrieben oder müssten in menschenunwürdigen Behausungen an den Straßen vegetieren.

Zudem seien jährlich Dutzende Indios Opfer von Mordanschlägen. Andere wollen nicht mehr leben. "Jugendliche wählen den Freitod, um der Qual zu entkommen", berichtet der Bischof von der Verzweiflung vieler Menschen im Gastgeberland der Fußball-WM.

Zur Person

Der aus Vorarlberg in Österreich stammende Erwin Kräutler lebt seit den 60er Jahren als Missionar im Amazonasgebiet. Wegen seines Einsatzes für die Menschenrechte der bedrängten Ureinwohner und für die Schonung der Umwelt hat der 1939 geborene Kräutler wiederholt Morddrohungen aus Kreisen von Agrar- und Staudammlobbyisten erhalten; 1987 überlebte er einen Mordanschlag. 2010 bekam er den sogenannten Alternativen Nobelpreis zugesprochen. Der Bischof ist auch Präsident des Rates für die indigenen Völker der Brasilianischen Bischofskonferenz (CIMI). (luk/KNA)

Von Johannes Pernsteiner
© KNA

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