Kein James Bond, kein Siegfried oder Achill!

Es ist ein uralter Traum der Menschheit, unverwundbar zu sein. Im mittelalterlichen Nibelungenlied gewinnt der Held Siegfried die Tarnkappe, die ihn unsichtbar macht. Er tötet den Drachen, badet in dessen Blut und wird dadurch nahezu unverwundbar...

Und doch: Während er im Blut des Drachen badet, fällt ein Lindenblatt auf seine Schulter. Hier ist er nicht imprägniert gegen Leid und Tod. Seine Frau Krimhild weiß darum und stickt ein kleines Kreuzchen über dieser Stelle auf das Gewand ihres Mannes. Der angeblich treue Freund Hagen von Tronje soll diesen einzigen Punkt der Verletzbarkeit schützen. Aber der benutzt ihn als sicheren Hinweis für den todsicheren "Blattschuss".

Die griechische Sage erzählt Ähnliches von Achill, dem Helden von Troja. Seine Mutter Thetis will ihn unverwundbar machen. Sie taucht ihn in das Feuer des Hephaistos und in das Wasser der Styx, damit er mit allen Wassern gewaschen und in allen Feuern gestählt sei. Aber sie muss ihn dabei festhalten, und das tut sie an der Ferse. Und genau hier ist seine schwache, seine verwundbare Stelle, die sprichwörtlich gewordene Achilles-Ferse.

Der Traum vom ewigen Leben

Warum faszinieren uns solche nahezu unangreifbaren Gestalten? Spiegelt sich da unser Traum von ewigem Leben? Mit immer neuen heimlichen und unheimlichen, jedenfalls sündhaft teuren Tricks versucht unsere Wellness- und Anti-Aging-Gesellschaft, Endlichkeit, Verletzlichkeit und Tod zu überwinden. Und doch: Die Verwundbarkeit bleibt und die Angst sitzt uns im Nacken oder an der Ferse. Dem Tod entgehen wir so wenig wie Siegfried oder Achill.

Wie werden wir fertig damit?

Wir möchten auch unsere letzte wunde Stelle, unsere Achillesverse, die Stelle, wo man uns ins Mark treffen kann, mit einer harten Hornhaut überziehen. Wir wollen auch vor dem Tod todsicher sein. Der Mensch in seinem Göttlichkeitswahn erträumt sich die leidlose Unverwundbarkeit. Gott aber geht den genau umgekehrten Weg, er wird Mensch und lässt sich verwunden. Er macht sich in Jesus Christus greifbar und angreifbar, er verwundet nicht, sondern macht sich - sogar tödlich - verwundbar. Der vom Tode Gezeichnete am Karfreitag und der Auferstandene am Ostertag zeigt uns seine Wunden und seine offene Seite.

Am Ende der Osteroktav steht die Geschichte der Begegnung des Auferstandenen mit dem ungläubigen Apostel Thomas. Der Maler Caravaggio (Bild oben) malt ihn so: Vorgebeugt streckt Thomas seine rechte Hand aus und bohrt mit dem Zeigefinger geradezu in die Wunde Jesu hinein. Ein hemmungsloses Explorieren, Sondieren, Begreifen. Jesus sagt im Evangelium nicht: Finger weg, Augen zu und glauben! Der Auferstandene ist nicht der strahlend unverwundbare Heroe, ist kein transzendenter James Bond.

Jesus zeigt sich im Unheil der Welt als Heiland der Welt. Nur so, indem es sich ins Unheil der Welt hineinbegibt, ist er der wirkliche Heiland der Welt. Angelus Silesius dichtet:

"Gott selber, wenn er dir will leben, muss ersteben.
Wie glaubst du ohne Tod sein Leben zu ererben?"

Die Wunden Jesu

Der Auferstandene sagt dem Zweifler Thomas nicht "Hände weg" und "Augen zu", sondern: "Streck deine Finger aus – hier sind meine Hände! Streck deine Hand aus und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!" (Joh 20,19-31) Christus verlangt nicht Glauben gegen Wissen, sondern ermöglicht Glauben wegen Wissen. Und Thomas sagt nur noch: "Mein Herr und mein Gott!" Das ist das kürzeste Glaubensbekenntnis. Die Wunden Jesu werden zum Kristallisationspunkt des Osterglaubens, zum unveränderlichen Kennzeichen des Lebens. Sie sind Ausdruck der Identität und Kontinuität dessen, der am Karfreitag vom Leben in den Tod und am Ostertag vom Tod ins endgültige Leben ging.

Die verzweifelte Selbstimmunisierung gegen Leid und Tod machen unsere Welt nicht menschlicher, sondern unmenschlicher. Nicht das Vermeiden des Todes, sondern das Durchleiden des Todes führt zu dem Leben, das bleibt. Dieser Glaube ist uns wie dem Thomas zugemutet. Aus seinem Tod, kommt uns das Leben. Mit den Todeswunden wird der Tod überwunden. Wer den Weg des Thomas geht, verzweifelt nicht am Tod, sondern erzweifelt sich den Glauben an den Gott des Lebens.

Von Ulrich Lüke
© Katholische Hörfunkarbeit

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