Seine Schuld bleibt!

Der Prozess gegen FC-Bayern-Präsident Uli Hoeneß ist in diesen Tagen das Medien-Thema in Deutschland schlechthin. Mit den Zutaten Prominenz und dem Sturz eines Moralapostels über seine eigenen Fehler ist ein großes Interesse vorprogrammiert, sagt der Theologe Alexander Filipovic...

 Der Professor für Medienethik an der Jesuiten-Hochschule für Philosophie in München beurteilt im Interview mit katholisch.de die Rolle der Medien und das Verhalten von Hoeneß am ersten Verhandlungstag.

Frage: Professor Filipovic, das Medieninteresse am Fall Hoeneß ist enorm: Im Gerichtssaal sitzen knapp 50 Medienvertreter, rein wollten 500. Und die Straße vor dem Justizpalast ist vollgestellt mit Übertragungswagen. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie diese mediale Dimension sehen?

Filipovic: Mir geht durch den Kopf, dass das verständlich ist: Er ist eine extrem prominente Persönlichkeit, die mit einem populären Fußballverein verbunden ist. Jeder kennt ihn und wenn eine Person, die eine moralische Autorität war, über einen eigenen Fehler fällt, dann ist das Interesse natürlich groß. Es gibt alle Zutaten für eine Medienüberberichterstattung. Ob man das gut oder nicht gut findet, ist eine andere Sache. Aber es wird über das berichtet, was die Leute interessiert, womit sie etwas anfangen und worüber sie sich aufregen können – und da ist so ein Medienecho völlig klar.

Frage: Wie beurteilen Sie persönlich das große Medieninteresse?

Filipovic: Ich finde es einerseits nicht gut, denn dadurch rücken Themen, die wichtiger sind, wie Krisen und der Hunger in der Welt, in der Nachrichtenagenda weiter nach unten. Auf der anderen Seite ist die Steuergerechtigkeit und die Moral des Steuerzahlers auch ein wichtiges Thema. Ich habe da eine ambivalente Einstellung: Zwar empfinde ich keine Abscheu, dass das so thematisiert wird, aber es macht mich traurig, dass gerade solche Themen eine so große Öffentlichkeit erfahren.

Frage: Tun die Medien – wie sie selbst sagen – der Gesellschaft einen Gefallen mit dieser Berichterstattung oder ist es eher eigennützig und ein großes Geschäft für sie?

Filipovic: Es geht natürlich um das Geschäft mit Prominenten und mit deren moralischen Verfehlungen. Solange nur berichtet wird, ist es nicht so problematisch, wie in den Fällen, wo die Medien eine Person aufgebaut haben und sich dann über den tiefen Fall nur noch mehr empören – so geschehen beim Fall Wulff oder zu Guttenberg. Aber Hoeneß ist als Fußballer und Manager eine schon so lange bekannte Figur, dass man nicht sagen kann, eine Zeitung hätte ihn aufgebaut und lasse ihn nun fallen.

Frage: Der Mann Uli Hoeneß polarisiert: Einerseits Moralapostel, andererseits Steuersünder. Wie groß ist das Empörungspotential in der Gesellschaft bei so einem Menschen?

Filipovic: Die Empörungspotentiale sind bei Prominenten und deren Verfehlungen extrem groß, aber das war schon immer so. Durch die Geschwindigkeit des Journalismus durch Online-Medien wird das in der Wirkung aber nochmal potenziert. Bei Uli Hoeneß weiß ich nicht, ob man ihm von vornhinein eine Doppelmoral vorwerfen kann: Man soll sein schlimmes Vergehen nicht kleinreden, aber andererseits ist bekannt, dass er sich für Schicksale von Menschen interessiert, denen es gerade nicht so gut geht.
Das Steuervergehen ist eine moralische Verfehlung, hat aber nicht den gleichen Status, wie wenn man sich gegenüber anderen unmenschlich verhält. Dennoch hat der Mann große moralische Maßstäbe und wenn er durch ein moralisches Vergehen vor Gericht kommt, dann ist die Aufregung groß, ähnlich wie bei der Feministin Alice Schwarzer.

Frage: Die Wohltätigkeit von Uli Hoeneß ist bekannt. Wieviel wiegt bei der ethischen Beurteilung von Hoeneß' Verhalten, dass er nach eigenen Angaben fünf Millionen Euro gespendet hat? Kann das Gute da das Schlechte ausgleichen?

Filipovic: Nein – aber es muss erstmal klar sein, dass wir nicht über einen Menschen urteilen können, nur über die Vergehen. Hoeneß hat sicher ganz positive menschliche Züge und genauso auch Fehler, die wir nicht kennen, wie das bei allen Menschen der Fall ist. Deswegen können wir es uns aus christlicher Perspektive nicht erlauben, einen Menschen abzuurteilen. Aber seine Schuld bleibt bestehen und man kann sie einordnen: Während jemand, der sein Geld spendet und ein tatsächliches Interesse an dem Schicksal von konkreten Personen zeigt, uns ein Vorbild sein kann, ist er uns durch das spezifische Vergehen der Steuerschuld natürlich alles andere als ein Vorbild.

Frage: Das Geständnis vor Gericht ist so etwas wie eine öffentliche Beichte und im Prozess geht es darum, "Gerechtigkeit zu schaffen" – auch das ist ein biblischer Begriff. Ist der ganze Fall fast schon religiös aufgeladen?

Filipovic: Religiös würde ich nicht sagen, aber er ist hochgradig ritualisiert. Es geht um das Schuldeingeständnis vor der Öffentlichkeit, ein Ritual, das es seit Jahrtausenden gibt und das in Religionen eine gewisse Rolle spielt. Dass einer den Kopf senkt, eine betroffene Miene macht, sich als Büßer zeigt – und auch inszeniert – es gehört auch dazu, die Medien zu bespielen.

Frage: Wie beurteilen Sie das Verhalten von Hoeneß am ersten Verhandlungstag?

Filipovic: Es ist klar, dass er Transparenz möchte. Er legt alles offen, was er getan hat – und das übersteigt ja das, was ihm zunächst vorgeworfen wurde, um ein weites. Und auf der anderen Seite möchte er zeigen, dass nicht Raffgier oder die Verachtung von Gesellschaft sein Motiv ist, sondern seine Zockerei. Er möchte sich nicht als Asozialer darstellen, sondern als ein Mensch, der einen Fehler gemacht hat, der wieder geradezurücken ist. Und er hofft, dass ihm verziehen wird und er glimpflich davon kommt.

Das Interview führte Agathe Lukassek
© katholisch.de

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