Es geht um die Wurst

Im Fall Uli Hoeneß plädiere ich für etwas mehr Fairness, vielleicht sogar Barmherzigkeit. Für einen nämlich, den man kürzlich noch als Fußballgott
verehrt, als Fußballvereinsmanager gepriesen und als Wurstfabrikanten bewundert hat. Wem der Fußball sowieso Wurst ist – abgesehen von der
Simulierung nationaler Ehre – dem darf das Schicksal eines begnadeten Spielers nicht gleichgültig sein.

Was mich aber am Phänomen Hoeneß vor allem stört, ist die Verwurstung, diese unheimliche Vermengung von Spiel, Geschäft und Politik. Und nicht so
sehr die Frage einer Steuerschuld, die nun seine früheren Anhänger, die sich wohl alle als steuerpolitische Unschuldslämmer fühlen, in Rage bringt.
Auch wenn die angestachelte Empörungsbereitschaft so etwas wie Sachlichkeit oder gar Mitleid nicht zulässt, darf man doch wohl noch fragen: Wie
konnte einer so tief fallen, daß nun alle über ihn herfallen? Haben nicht gerade jene Medien und Stammtische, die den Uli Hoeneß als leuchtendes
Vorbild emporhoben, ihn nun zum Abschuss freigegeben?

Taugt ein Geschäftemacher und Möchtegernpolitiker als Vorbild?

Schon die quasireligiöse Aufladung der Fußballvereinsmeierei mit unerfüllbaren Heilserwartungen lädt dazu eine, jene Götter zu stürzen, die man vorher
selber geschaffen hat. Warum soll ausgerechnet ein Fußballer, ein Geschäftemacher und Möchtegernpolitiker ein auserlesenes Vorbild für die aufstrebende
Jugend sein? Solche Leute, so untadelig normal sie sich auch betragen, sind kein Ersatz für uneigennützige Heilige. Herr Hoeneß ist eher Abbild,
vielleicht auch Abziehbild, aber keineswegs Vorbild einer verwirrten Gesellschaft, die freilich immer auf der Suche nach verbindlichen Orientierungen ist.
Da möge man sich doch bitte an Mutter Teresa oder auch an Mahatma Gandhi halten.

Die aber haben vermutlich keine unmittelbaren Geschäftsbeziehungen zu Adidas, zu Nürnberger Würstchen, zu politischen Parteien oder zu Schweizer Banken
unterhalten. Wahrscheinlich hatten sie bei ihren gemeinnützigen Aktivitäten auch nichts zu versteuern. Darin liegt schon ein gewaltiger Unterschied zu
Uli Hoeneß, der aber auch nie behauptet hat, die männliche Wiedergeburt von Mutter Teresa zu sein. Vielmehr hat er durch Selbstanzeige auf seine Zweifel
aufmerksam gemacht, ob er seiner Steuerpflicht gegenüber den deutschen Behörden gerecht geworden sei. Eine eigentlich noble Handlung, oder? Hoeneß hätte
ja auch von den Bahamas aus seine deutschen Würste weltweit verbreiten können.

Den Vorbildcharakter muss er sich abschminken

Was ihn mit Bayern, ja mit Deutschland verbindet, ist wohl immer noch der Fußball. Eine ebenso mystische wie geschäftsmäßige Verbindung, sentimental ohnehin.
Den Vorbildcharakter wird er sich wohl abschminken müssen. Auch wirken einige Prestigemanifestationen reichlich überzogen. Ein wenig Demut wäre angebracht.
Aber wer hat jemals freudig und freiwillig seine Steuern bezahlt? Auch in Zeiten, als es nur um den Zehnten ging, hielt sich die Lust der Steuerzahler in
Grenzen. Klassisch zu nennen ist die Einschärfung Jesu: "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers, und Gott, was Gottes ist." Aber was steht dem Staat, was der Religion
zu - und was bleibt für den steuerzahlenden Bürger noch übrig? Darauf weiß die Bibel leider auch keine Antwort.

"Du sollst nicht stehlen!" gilt auch für den Staat

Der Katechismus der Kirche hat die Steuerhinterziehung als Sünde bezeichnet, wenn auch nur als "lässliche", nicht als Todsünde. Sie verstoße gegen das
Siebte Gebot. Dass aber das Gebot "Du sollst nicht stehlen!" auch für den Staat gilt und ihn gegenüber seinen Bürgern zur Zurückhaltung verpflichtet, daran
haben die Kirchen kaum gedacht. Nicht wenige Bürger haben das Gefühl, unter die Räuber gefallen zu sein.

Einträglicher wäre es, die Steuerhinterziehung bei den Schwarzarbeitern zu unterbinden, die den Staat um jährlich über 300 Milliarden Euro prellen.
Bei notorisch prekären Haushaltslagen und vor riesigen Schuldenbergen suchen Politiker vor allem nach Möglichkeiten, Finanzlöcher zu stopfen. Dies gelingt
freilich nicht, indem man die klassenkämpferische Jagd auf "die da oben" eröffnet. Einträglicher wäre es, die Steuerhinterziehung bei den Schwarzarbeitern zu
unterbinden, die den Staat um jährlich über 300 Milliarden Euro prellen.
Statt jedoch einzelne Steuersündenböcke an den Pranger zu stellen, sollten Juristen und Politiker der Frage nachgehen: Wie gerecht, langfristig funktionsfähig
und wirtschaftlich tragfähig hat ein Steuersystem zu sein, um allgemeine Beachtung zu finden? Freilich ist eine "große" Steuerreform, die diesen Namen verdient,
in weite Ferne gerückt. Und ein "Professor aus Heidelberg" namens Paul Kirchhof, der sie forderte, wurde politisch kaltgestellt.

Mit seiner Steuerpolitik versucht der Staat, nicht nur seine notwendigen Ausgaben zu decken, sondern ehrgeizig die Gesellschaft zu steuern. Dabei scheint er nicht
zu merken, wie sehr er von der Gesellschaft gesteuert wird. Aber mit ihren nimmersatten Ansprüchen an den "Vater Staat" fördern Interessenverbände und Wählergruppen
eine Verstaatlichung der Gesellschaft. Und damit ihre eigene Enteignung und Entmündigung. Auch darüber wird man im "Fall Hoeneß" diskutieren müssen.

Von Wolfgang Ockenfels

Zur Person
Der Dominikaner Wolfgang Ockenfels ist Inhaber des Lehrstuhls für Christliche Sozialwissenschaften an der Universität Trier.
Seine Forschungsschwerpunkte sind unter anderem Politische Ethik und Theologie, Katholische Soziallehre und Sozialethik.

Quelle: Katholisch.de

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