Neues aus dem Gotteslob III

Liebe Pfarrgemeinde,

nach einer kleinen Erholungsphase ist es nun wieder so weit. Ich möchte mit Ihnen ein weiteres Lied aus dem Gotteslob lernen. Bisher waren es zwei Sanctus-Gesänge in Dur, die bereits auf dem Plan standen, nun soll es ein ökumenisches Lied werden.

Wenn Sie das Gotteslob unter der Nummer 355 aufschlagen, finden Sie dort das Lied „Wir glauben Gott im höchsten Thron“. Es ist mir zum ersten Mal beim Gottesdienst zum Buß- und Bettag begegnet, der einmal jährlich im Wechsel zwischen der ev. St. Johanneskirche und St. Michael stattfindet.

 

Warum gerade dieses Lied? Zum einen, weil ich es als sehr aussagekräftig und klanglich wunderschön erachte, zum anderen ich es wichtig finde, nicht nur den „Klassikern“ und dem neuen geistlichen Liedgut Raum zu geben, sondern auch „solchen“ Liedern einen Platz im Repertoire zu schaffen. Es ist nämlich ein Lied, das in einer Zeit entstand, als Deutschland politisch durch das „Dritte Reich“ geprägt war.

 

Wie klingt denn dann das neue Lied? Ist es schwermütig, wie man vermuten müsste, wenn man sich die Unwegsamkeit und die Gräuel der Zeit vor Augen führt? Oder klingt es eher wie ein heldenhafter Marsch, weil das Regime solche Musik schätzte? Es ist mit Sicherheit keine leicht zu beantwortende Frage. Doch müssen wir sie auch zunächst hintenanstellen. Wenden wir uns zuerst der Dichtung zu.

Als die Nationalsozialisten 1933 die politische Führung übernahmen, wurde es für viele Künstler hinsichtlich der Auffassung von Kunst und deren Ausübung zunehmend problematischer. Es boten sich meiner Meinung nach dann vier Möglichkeiten:

 

Man konnte entweder systemkonform, systemablehnend, versteckt kritisch und kodiert oder nach Möglichkeit neutral sein. Im ersten Fall wäre das für uns heute inakzeptabel, der zweite Fall ein prekäres Unterfangen, weil Systemablehnung mit einem Aufführungsverbot einherging, der dritte Fall nicht einfach an den Mann zu bringen und im letzteren es sich als sehr schwierig gestaltet, weil sich die Zuhörerschaft mit aussageloser Musik nicht identifizieren kann.

 

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten mussten sich viele Künstler entscheiden, welchen Weg sie gehen wollten. Rudolf Alexander Schröder (1878 – 1962), der Schriftsteller, Übersetzer, Dichter, evangelischer Kirchenlieddichter, Architekt, Maler und Schöpfer unseres Liedtextes war, entschied sich für den Weg der „Inneren Emigration“. Diese Entscheidung musste aber erst durch vorangehende Erfahrung erlernt werden, wie wir an seinem künstlerischen Schaffen sehen werden.

 

Die frühe Lyrik Schröders stand im Zeichen des Skeptizismus (eine philosophische Richtung, in der das Zweifeln und nicht das Untersuchen und Erforschen als Ausgangspunkt des Denkens betrachtet wird) und des romantisierenden Ästhetizismus (eine Zeitepoche der Literatur, die von 1890 bis 1920 andauerte und im „Schönen“ den höchsten Wert sieht). Er verwendete dabei klassische Formen wie Oden und Sonette.

 

Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges verfasste er im Herbst 1914 national konservative Gedichte in einem teilweise weihevoll stilisierten Patriotismus, z. B. in seinem Gedicht Deutscher Schwur (1914): „Heilig Vaterland, in Gefahren, deine Söhne stehn, dich zu wahren. ...“

 

Mitte der 1930er Jahre gewann der Verleger Peter Suhrkamp (1891 – 1952), der Schröders literarische Bedeutung und seine Gegnerschaft zum Nationalsozialismus erkannte, ihn als Autor des S. Fischer Verlages.

Das Erlebnis des Krieges veränderte Schröders Gesinnung. Patriotische Töne verstummten. Das humanistische Erbe der Klassik und eine protestantisch-biblische Religiosität bestimmten immer mehr sein Schaffen. Als Zeichen äußerlicher Bekräftigung seiner „Inneren Emigration“ verließ er 1935 seine Heimatstadt Bremen und zog nach Bergen im Chiemgau, wo er bis zu seinem Tod wohnen blieb. 1942 trat er den Kreisen der „Bekennenden Kirche“ (Oppositionsbewegung evangelischer Christen gegen die Gleichschaltung von Lehre und Organisation der Deutschen Evangelischen Kirche durch den Nationalsozialismus) bei und wurde 1942 zum Lektor (Laienprediger) berufen. Dadurch wurde er auch zu einem wichtigen Erneuerer des protestantischen Kirchenliedes im 20. Jahrhundert.

Wie klingt das neue Lied denn nun? Wir brauchen noch etwas Geduld. Schenken wir unsere Aufmerksamkeit nun dem Komponisten. Christian Lahusen (1871 – 1975) ist der Schöpfer der Melodie.

 

In Argentinien geboren, wuchs er auf dem Kolonialsitz der Familie in der Nähe von Buenos Aires auf. 1899 wurde er im Alter von 13 Jahren allein nach Deutschland geschickt, um das Gymnasium in Wernigerode zu besuchen. 1901 siedelte die Familie dann nach Bremen um. 1905 ging er zum Musikstudium nach Leipzig. Er brach das Studium nach kurzer Zeit ab und widmete sich fortan während verschiedener Reisen seinen autodidaktischen Studien. 1914 wurde er Korrepetitor am Opernhaus in Charlottenburg und nach 1918 war Lahusen als Kapellmeister und Komponist an den Münchner Kammerspielen tätig. Seit 1920 agierte er freiberuflich für dieses Theater sowie für die Hamburger Kammerspiele und das Schauspiel Frankfurt. Seit 1931 lebte er als Komponist in Überlingen und war Musiklehrer an der Salemer Internatsschule.

Christian Lahusen schuf vorwiegend geistliche und weltliche Vokalwerke, die sich am deutschen Chorlied des 16. Jahrhunderts orientierten. Darüber hinaus komponierte er auch die Bühnenmusik zu dramatischen Werken, wie z. B. zu Eichendorffs Lustspiel „Die Freier“ (1923).

 

Ob sich Rudolf Alexander Schröder und Christian Lahusen gekannt oder sich je getroffen haben, entzieht sich meiner Kenntnis. Fakt ist jedoch, dass Text und Melodie eine ausgezeichnete Symbiose bilden.

 

Wenn Schröder, der den Text als Paraphrase zum Credo in Reimform gebracht hat, und zwar in jene, wie wir sie bei Ambrosius von Mailand (337 – 397) und seinen Nachfolgern vorfinden, im Jahre 1937 ein streng lehrhaftes, überzeitliches Bekenntnislied schreibt, so kann das nur als Verneinung der Deutschen Christen (eine rassistische, antisemitische und am Führerprinzip orientierte Strömung im deutschen Protestantismus, die diesen von 1932 bis 1945 an die Ideologie des Nationalsozialismus angleichen wollte) mit ihrer heilsgeschichtlicher Deutung des Dritten Reiches und der Bekräftigung der „Barmer Theologischen Erklärung“ (theologisches Fundament der Bekennenden Kirche in der Zeit des Nationalsozialismus in Form von sechs Thesen auf Bibelzitaten fußend) von 1934 verstanden werden.

 

Christian Lahusens Melodie ist einzigartig durch ihre vollständige rhythmische Gleichförmigkeit, sie besteht ausschließlich aus Halben sowie durch die Identität der ersten und zweiten Choralzeile. Diese Besonderheiten, zusammen mit der Tonart c-Moll und den zahlreichen großen Intervallschritten, verleihen ihr etwas Monumental-Bekenntnishaftes.

 

So nun ist es so weit. Einen kleinen hörakustischen Vorgeschmack können Sie sich im Internet gönnen:

 

 

Für alle, die keinen Internetzugang haben, ist das natürlich auch kein Beinbruch. Sie werden die Melodie wie bisher rechtzeitig in Form verschiedenster Improvisationen zu Gehör bekommen.

 

Ihr Kirchenmusiker

Christian Schwarz

 

 

 

 

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